ZWINGER Galerie
 
Mansteinstrasse 5
10783 Berlin
+49-30-28 59 89 07
office@zwinger-galerie.de
CURRENT
EXHIBITIONS
ARTISTS
LOCATION
 
IMPRINT
 
 
 

Die Zukunft der SPD

Kuratiert von Hans-Jürgen Hafner und Gunter Reski

Künstler*innen: Nadja Abt, Norbert Bisky, Henning Bohl, Lutz Braun, Constant Dullaart, Anke Dyes, Julia Eichler, Claus Föttinger, Michael Franz & Franziska Ipfelkofer, Manuel Graf, Natascha Sadr Haghighian, Dale Holmes, Philipp Höning, Helmut & Johanna Kandl, Korpys / Löffler, Claudia Kugler, Stephan Machac, Michaela Meise, Anna Meyer, Stefan Panhans, Manfred Pernice, Peter Piller, Christian Rothmaler, SUSI POP, Heidi Specker, Wawrzyniec Tokarski, Suse Weber, Alex Wissel, Ina Wudtke, Steffen Zillig

 

Opening: Friday, 2019, December 13 from 7 to 9 pm

 
Exhibition: December 14 to 2020, February 22
Opening hours: Tuesday to Saturday, 12 am to 6 pm
 
SPD
 

„Die Zukunft der SPD” - kuratiert von Hans-Jürgen Hafner und Gunter Reski möchte die Frage nach der Zukunft stellen, indem es – ganz und gar unironisch – behauptet, dass die SPD eine Zukunft  habe. Dabei weiß das von Hans-Jürgen Hafner und Gunter Reski initiierte Projekt nicht einmal von sich selbst so genau von welcher Sorte es ist: eine thematische und/oder kommerzielle Ausstellung, ein längst überflüssiger oder dringend zu startender Diskurs, ein Politikberatungsseminar von und für Künstler*innen, die Outlines einer Utopie, ideelle Selbstausbeutung oder ein Marketing Stunt für ein nicht vorhandenes Produkt. Die am Projekt Beteiligten sind der Einladung gefolgt, Stellung zu einer Hypothese zu beziehen.

„Die Zukunft der SPD“ will an dem sich gewählten ‚Fall’ die Frage stellen, wie Zukunft – etwa aus der Perspektive der Kunst, in den individuellen Arbeitsweisen der beteiligten Akteur*innen, dem kommunikativen Prozess, den das Einlassen auf eine als Gesprächsgegenstand akzeptierte Frage – adressiert, wie sie gedacht und artikuliert werden kann.

Die Idee zu dem Projekt, die vermessene Vorstellung sich ihr im Format einer Ausstellung zu nähern und vor allem sein Titel sind über ein Jahr alt. Damals bereits war die Krise der SPD unübersehbar und dennoch war es nicht abzusehen, dass sie zielsicher auf ihren Absturz von der Volks- zur Nostalgiepartei zusteuern würde. Dieser Absturz blieb bisher ungebremst in der paradoxen Wechselwirkung aus Wahlschlappen und Mitgliederzuwachs, realpolitisch ‚realen’ Errungenschaften und unausgesetztem programmatischem Schlingerkurs inklusive.

Warum wir uns ausgerechnet auf die SPD fokussiert haben – und nicht die Unionsparteien CDU und CSU und die unübersehbare Krise des Konservatismus oder die Frage, was denn nun „Links“ und eine entsprechend politisch herzustellende Perspektive sei –, hat wohl auch mit Nostalgie zu tun. Doch sollte man bei aller Suggestivität den Titel nicht zu wörtlich nehmen. Weit mehr als die traurige Genoss*innenpartei aus Deutschland mit notorischer Führungsschwäche interessiert uns ‚Sozialdemokratie’ als durchaus achtenswertes ‚Konzept’ und in historischem Sinne als ‚Errungenschaft’ – und deshalb umso mehr nicht ohne der zweifachen, nämlich pragmatischen und operativen Verankerung der Sozialdemokratie in der Realpolitik und im Parlamentarismus als Denke und Werkzeug eines linken Realismus. Dieser linke Realismus hat zur Schaffung von Verhältnissen beigetragen, an denen uns – umso mehr im Rückblick und mit einem Schwenk auf die Entwicklungen seit der Abfolge großer Koalitionen und der Rolle, die die Koalitionspartner dabei spiel(t)en – auch weiterhin liegen könnte: von der Gleichstellung der Geschlechter über die Bildungspolitik bis hin zum Mindestlohn lassen sich Beispiele finden. Dass es zu jedem Beispiel ein Gegenbeispiel gibt, speziell die unseligen Hartz IV-Gesetze im Rahmen der Agenda 2010, geschenkt.

Das erklärt vielleicht auch, warum wir ausgerechnet anhand der in eine auf nationale Grenzen zugeschnittene Parteiform, die sehr viel generelle Frage stellen wollen, was Zukunft ist, wie sie sein müsste um Wege zu finden, auf sie zu- und nicht immer nur im vergangenheitsbestimmten Zustand der Gegenwart vor uns hinzuarbeiten. Der Kunst der Avantgarde war solches Denken nicht fremd, im Gegenteil: Wer, egal ob im Einzelkampf- oder Gruppenmodus unterwegs, nicht den Lauf der Kunst grundsätzlich verändern wollte, der brauchte gar nicht erst anzutreten.

Zurzeit wissen wir: die Zukunftsoptionen, die sich uns bieten, werden nicht mehr, sie werden weniger. Die Optionen werden faktisch, aufgrund ökologischer und sozialer Überausbeutung vorformatiert, weswegen man zurecht behaupten könnte: so braucht es nicht weiterzugehen, sonst geht es – schlicht – nicht weiter.

Warum ausgerechnet der Parlamentarismus, die politischen und kulturellen Institutionen, mithin das Modell der Repräsentation unattraktiv erscheinen gegenüber in der Regel eher einzelproblemorientierten Aktivismus, selbstvermarktender Symbolpolitik und digitalindustriell normiertem Aktionismus ist eines der operativen Probleme, die uns – mit Blick nicht auf die Zukunft der SPD sondern vor allem ‚unserer’, in der Regel gemeinsam zu erlebender Gegenwart – interessiert. Auch interessiert uns das Verhältnis zwischen ‚uns’ und dem was ‚Staat’ heißt bzw. eine gesellschaftliche Organisationsform ist als, vor allem, im Ökonomischen wirksames Regulativ gegenüber einer Wirtschaft, die – nehmen wir vor allem Finanz- und Digitalindustrie – längst auf supranationaler Ebene ihrerseits Staatsähnlichkeit angenommen hat und eifrig am Sortieren ist, wer auf immer reich und wer genauso ewig subaltern sein wird.

Darüber möchte „Die Zukunft der SPD“ unter Verwendung der individuellen Mittel, dem persönlichen Einsatz der Beteiligten nachdenken, was die politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen betrifft, unter denen wir auch in dem Sinne leben, dass wir als Individuen, Subjekte, Privatpersonen, Bürger – und vielleicht auch im Rahmen unserer Profession als Künstler, Kritiker und Kurator – uns in ein aktiveres, reflexives oder gestaltendes Verhältnis setzen können mit Blick auf die Zukunft, die wir durch unser Denken und Handeln so oder so realisieren werden.

Als historische Referenz – aber ohne sich damit identifizieren zu wollen – könnte sich das Projekt auf die Sozialdemokratische Wählerinitiative (SWI) beziehen, die 1968 um Günter Grass, Siegfried Lenz und Eberhard Jäckel entstand. Die Zeit heute, die Verhältnisse sind natürlich deutlich andere. In diesem Sinne ist „Die Zukunft der SPD“ nicht mehr aber auch nicht weniger als ein Versuch, an dem teilnimmt, wer daran teilnehmen will.

(Hans-Jürgen Hafner)

 
    back up